Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Gemeinde,
lieber Herr Zupp,

Wie Sie wissen, bin ich seit Anfang Juni nicht mehr „nur“ ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, sondern – auch wenn es mir immer noch nicht so ganz leicht über die Lippen geht, als Landtagsabgeordneter nun Berufspolitiker.Diese neue berufliche und auch persönliche Situation nach mehr als zweieinhalb Jahrzehnten Kommunalpolitik hat mich bewogen heute hier, dem, wie ich finde, spannenden Thema nachzugehen:

„Politik als Beruf – im Spannungsfeld zwischen Anspruch und Mensch sein!“

Und damit natürlich auch der Frage: Hat sich etwas verändert? Und wenn ja, was hat sich verändert? Tatsache ist, dass sich im Leben etwas verändert hat. Es gibt eine größere Aufmerksamkeit, ein wesentlich größeres Interesse an der Person. Dabei geht es oft nicht nur um die Aufmerksamkeit für die Person, die politische Aussagen trifft, die Forderungen erhebt oder die öffentlich diskutiert. Das Interesse ist auch für den Menschen, der da hinter steht. Wer ist das? Wie ist derjenige? Kurz gesagt, der ganze Mensch rückt etwas stärker in den Fokus von Medien und Öffentlichkeit

Politik als Beruf

Dazu stellt sich ja nun die grundsätzliche Frage: „Wie sollte denn der ideale Politiker sein? Oder wenn man es nicht ganz so hoch hängen möchte: „Wie sollte zumindest ein guter Politiker sein?“ Zugegeben amüsant finde ich dazu ein Zitat von Loriot, nachdem er den Politiker auf dem Wahlplakat bevorzugt, denn dort ist er:

  1. tragbar, 2. geräuschlos und 3. leicht zu entfernen.

(Stichwort Humor in der Politik)

Aber wenn man es auch mal ein klein wenig ernster betrachtet, hat man schon zuweilen den Eindruck als Politiker sollte man: Mindestens so leidenschaftlich wie ein Prediger, so gründlich wie ein Finanzbeamter und so selbstlos wie Robin Hood sein. Gerade in unserem sehr medial geprägten Zeitalter bekommt man den Eindruck, die Sehnsucht wird einerseits größer nach Politikern die ehrlich, zuverlässig, stets höflich und bescheiden sind. Die auch schon einmal etwas anderes gemacht haben. Die wissen wovon sie sprechen (stets sachkundig und bis ins Detail informiert). Unabhängig sind. Nicht zu jung sind. Nicht zu alt sind. Und sie sollen sich tagtäglich und unermüdlich im Kontakt mit den Wählerinnen und Wählern für deren Interessen einsetzen.
Andererseits bekommt man den Eindruck, dass die Abweichungen von diesem Idealbild bei Politikern gerne als Scheitern aufgenommen und als solches verbreitet werden.

Im kirchlichen Kontext kann man sicherlich die Bergpredigt für eine Richtschnur anführen, die ja für uns Christen generell,  von großer Bedeutung zur Gestaltung des Zusammenlebens ist.

Sollte ein Politiker diese Werte nicht besonders verkörpern? Auch hier für mich ein ja, aber:
Ja, auf jeden Fall, wenn ich an Matthäus 7, Vers 12, denke: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch Ihnen. Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“
Ich finde das ist die grundlegende Regel unseres Zusammenlebens. Behandele andere Menschen so, wie Du selbst behandelt werden willst. Ich empfand das in meinen früheren Beruf als Altenpfleger schon als meinen Leitspruch.
Das „aber“ kommt dann zum Beispiel beim Gebot der „Feindesliebe“. Ja, es stellt ein Ideal dar, aber der Mensch oder ganz konkret ich, habe so zuweilen meine Probleme das so umzusetzen. Menschen, die gegen alle meine Werte verstoßen, die sich einfach verachtend und asozial verhalten. Das macht mich oft emotional und manchmal auch sehr wütend und ich reagiere entsprechend.
Als Mensch. Aber natürlich auch als Politiker.

Gerade mit Blick auf die klassischen und sozialen Medien stellt sich heutzutage die Frage: Lasse ich mich von Berichterstattung und Meinung anderer leiten, verändere ich mich dadurch, passe ich mich an?
Bleibe ich bei mir? Kann ich dabei der Mensch bleiben, der ich bin?

Dietrich Bonhoeffer hat den Konflikt zwar in einem anderen Kontext, aber sehr treffen im Gedicht „Wer bin ich?“ geschrieben:

„Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich von mir weiß?“

Das ist, für mich, auch heute ein berechtigter kritischer Ansatz. Das machte mir im Vorfeld meiner neuen Aufgabe bereits einige Gedanken. Denn passe ich in das – mal als ideal unterstellte- Muster? Zumindest annähernd? Ich glaube, dass das vermessen wäre und ich das an dieser Stelle verneinen muss.

Wer meine persönliche und meine berufliche Biographie kennt, weiß, dass diese nicht ganz geradlinig verlaufen ist. Hier hat es Brüche gegeben. Erfolge und Misserfolge liegen da an verschiedenen Stellen dicht aneinander. Und doch hat mich mein Lebensweg zum Vater einer wundervollen Tochter gemacht, hat mich den erfüllenden Beruf des Altenpflegers erlernen lassen, mich in eine verantwortungsvolle Leitungsposition gebracht und nun sogar mein Hobby “Politik” zum Beruf werden lassen. Das alles gehört zum Menschen Sven Lefkowitz und eben auch zum Politiker. Denn das ist nun einfach nicht zu trennen.
Und zur Wahrheit gehört auch dazu, dass der Berufspolitiker Sven Lefkowitz nicht frei ist von Zweifeln von eigenen Bedürfnissen und Problemen. Eben nicht einem überhöhten Idealbild entspricht.
Dass ich eben nicht jeden Tag 24 Stunden völlig selbstlos den Dienst für die Menschen erbringen kann. Dass es Zeiten gibt, in denen das Ohr für die Menschen offener, das Engagement freier von Herzen kommt oder eben weniger. Dass es Zeiten gibt, in denen man gesundheitlich und persönlich besser oder schlechter aufgestellt ist.

Ich hoffe, dass das – eben das einfach auch “Mensch sein” – seinen Platz im Leben als Politiker behalten darf und kann.

Meine sehr verehren Damen und Herren,
um noch einmal auf Bonhoeffer zurück zu kommen.  Er schreibt ja: „Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?” Für mich beschreibt genau das die vielleicht größte Herausforderung als Politiker.

Wir Politiker neigen dazu, sehr darauf zu achten, was andere, natürlich die potenziellen Wählerinnen und Wähler, aber auch Journalistinnen und Journalisten und gesellschaftlich relevante Menschen, sagen und veröffentlichen.
Das macht oft schnell ein Bild, das nicht unbedingt ein Abbild der Wirklichkeit sein muss und verleitet manchmal zu opportunen Reaktionen, hinter denen man im Innern nicht immer aufrichtig steht.
Da wünsche ich mir, für mich und auch alle Kolleginnen und Kollegen, eine innere Stärke und Autonomie dem inneren Kompass zu folgen. Dem Menschen und seinen Werten zu folgen.
Dann glaube ich, wird Politik auch weniger beliebig und wahrhaftiger.

Nun, ganz praktisch, habe ich oft schon als ehrenamtlicher Politiker erlebt, dass ich mit Aussagen konfrontiert wurde, wie:
“Das musst Du doch wissen, Du bist doch in der Politik.”
“Das musst Du doch vertreten, das ist doch die Haltung deiner Partei.”
Oder:
“Von jemandem der uns vertritt, erwarte ich…”

Das nimmt erwartungsgemäß zu, wenn man hauptamtlich in die Politik wechselt und man kann sicherlich auch etwas mehr erwarten, wenn jemand aus Steuermitteln alimentiert wird.

Aber:
Es ist sicherlich nicht immer alles wie gewünscht zu erfüllen. Denn das würde bedeuten, dass man nicht mehr die Persönlichkeit ist, die einen an diesen Platz geführt hat, sondern eher zu einem Abziehbild der Erwartungen und des überhöhten Ideals wird.
Ich bin ja vor allem eines, ein Mensch. Und der möchte ich sein.

Und als dieser möchte ich mit einem letzten Zitat schließen, das ich in der Vorbereitung meiner heutigen Kanzelrede entdeckt habe und das ich aus meiner Sicht für meine Arbeit als Politiker ganz zutreffen als Orientierung finde. Es stammt auch von Dietrich Bonhoeffer:

„Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung für den anderen Menschen auferlegt.“
Die Begegnung mit anderen Menschen ist das schönste und wertvollste, das mir mein neuer Beruf als Politiker beschert. Dies geht einher mit einer großen Verantwortung.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
dieser Verantwortung möchte ich mit meiner Arbeit gerecht werden, als Politiker und auch als Mensch, der Ihnen begegnet.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Ihnen allen Gottes Segen.